Blog
Sind Blogs aus Marketingsicht relevant?
Während Blogs von den einen als unbedeutende Modeerscheinung abgetan
werden, sind sie für die anderen der Beginn einer radikalen Änderung der
Mediennutzung, welche die klassischen Medien herausfordern. Wer von
beiden Lagern hat Recht? Wie bedeutend sind Blogs für das Marketing?
Was ist ein Blog?
Ist es ein Online-Tagebuch, ein Diskussionsforum oder einfach nur eine
Website?
Gemäss Wikipedia ist ein Weblog eine Kontamination aus Web und Log, das
üblicherweise einfach nur Blog genannt wird. Es ist eine Webseite, die
periodisch neue Einträge enthält. Neue Einträge stehen an oberster Stelle,
ältere folgen in umgekehrt chronologischer Reihenfolge.
Ein Blog ist mehr als nur eine Website. Eine Website hat eher den Charakter
der Einwegkommunikation. Man möchte über seine Unternehmung,
Produkte und Dienstleistungen Informationen vermitteln. Ein Blog geht
weiter. Ähnlich wie bei einem Diskussionsforum kann man die Leser
auffordern, zu den Blogeinträgen Stellung zu nehmen. Nur ist es viel
einfacher, ein Weblog zu eröffnen. Jeder kann innert weniger Minuten gratis
oder über spezialisierte kostenpflichtige Dienste sein eigenes Blog eröffnen.
Eine weitere Eigenschaft eines Blog ist, dass man Blogs per RSS-Feed
abrufen kann. Vereinfacht ausgedrückt ist das eine Technologie, bei der man
Blog-Posts (Einträge in einem Blog) oder News automatisiert auf seinen
Bildschirm abrufen kann. So muss man nicht den Blog aufrufen, sondern wir
damit automatisch beliefert. Wenn man den vollständigen Eintrag lesen
möchte, klickt man einfach auf die Zeile im RSS-Reader.
Als das Thema Blog immer häufiger in den Medien erwähnt wurde, habe ich
das Blog „Online-Marketing-Report Schweiz“
(www.onlinemarketingreport.ch) eröffnet, um herauszufinden, ob Blogs
wirklich etwas nützen. Mittlerweile schreiben mit mir sechs Online-Marketing-
Experten zu diversen Themen und wir publizieren mittlerweile fast täglich
einen Beitrag. Im Dezember 2006 werden täglich durchschnittlich 600 Visits
und fast 1500 Seitenaufrufe gezählt. Das sind sehr gute Werte, wenn man
bedenkt, dass für diese Seite nur virales Marketing, als Mund-zu-Mund-
Propaganda gemacht wird.
Übrigens, Sie finden hier fast täglich interessanten Neuigkeiten aus der Welt
des Online-Marketings.

Sind Blogs fürs Massenmarketing wirklich ungeeignet?
Eine vom Marktforschungsinstitut Fittkau & Maaß unter 100.000
Internetusern in Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführte
Untersuchung hat herausgefunden, dass der Bekanntheitsgrad des
Phänomens mit 75 Prozent sehr hoch ist (2005). Zum weitesten
Nutzerkreis zählt der Studie zufolge allerdings nur jeder fünfte Nutzer,
regelmässige Besucher und aktive Betreiber finden sich mit vier bzw. zwei
Prozent überhaupt nur ganz wenige. Daher seien die Weblogs für
Marketingzwecke aufgrund der geringen Reichweite als
Massenmarketingsmedium nicht geeignet. Ein Vorteil der Blogs sei aber, dass
sie für spezifisches Zielgruppenmarketing effektiv und mit geringen
Streuverlusten eingesetzt werden könnten. Der typische Weblog- Besucher
sei jünger als 30 Jahre alt, technikaffin, politisch und kulturell interessiert und
zähle zu den Intensivnutzern des Internet.
Vom oben erwähnten Vorteil der Blogs bin ich selber auch der festen
Überzeugung. Angenommen Sie sind Fliegenfischer und finden ein Blog, das
regelmässig über Ihren geliebten Sport berichtet. Sie können dort Ihren
Kommentar hinterlassen und erhalten vom Blogger seinen Kommentar als
Entgegnung. Für die Marketingfachleute, welche Reichweite erzielen
möchten, sind Sie nicht interessant. Wohl aber für die Unternehmung, welche
über Produkte oder Dienstleistungen rund ums Fliegenfischen anbietet.
Wie kann man die Blogleser mit Marketingmassnahmen erreichen? Dies
geschieht am einfachsten, indem der Blogger Werbeplatz für Google
Textanzeigen (AdWords) zur Verfügung stellt. So kann Google textlich
relevante Anzeigen im Blog schalten.
Es gibt wenige Blogs, welche über eine sehr hohe Zahl Besucher aufweisen.
Diese sind fürs Massenmarketing und bestimmte Zielgruppen sehr wohl
geeignet. Einer meiner Lieblingsblogs ist www.engadget.com, der laufend
über neue technische Tools berichtet. Engadget erreichte im ersten Quartal
2005 rund eine Million Visits. Das macht dieses Blog zu einem interessanten
Marketingkanal für alle Anbieter von technischen Gadgets. (vgl. Abbildung).
Die Bedeutung der Blogs für die Unternehmenskommunikation
Weniger umstritten ist die Bedeutung der Blogs als Nutzen für die
Unternehmenskommunikation.
Das Zukunftsinstitut (www.zukunftsinstitut.de) schreibt in seiner Studie
„Medialution - Von den Massenmedien zur digitalen Individualisierung“ über
Blogs folgendes:
„Das Weblog-Marketing war geboren: Denn es zeigte sich, dass es
momentan wahrscheinlich kein besseres Tool gibt, um glaubwürdigen
Kundenkontakt herzustellen. Auf der anderen Seite können Blogs das eigene
Unternehmen in Sekundenbruchteilen existenziell gefährden.“
Letzteres musste kürzlich der bekannte Werber Jean-Remy von Matt
erfahren. Er hatte sich aufgrund des Drucks der Blogger öffentlich für die
Bemerkung bei der Blogger-Gemeinde entschuldigt, Weblogs seien die
"Klowände des Internets".
Blogs sind hervorragend geeignet, um einen glaubwürdigen Kundenkontakt
herzustellen.
Einerseits kann man über einen eigenen Company-Blog der direkten Kontakt
zum Endkonsumenten herstellen, der auf Einträge Kommentare abgeben
kann. Solche Einträge können auch später von allen Kunden eingesehen
werden oder werden über Suchmaschinen gefunden. Werden solche Einträge
mit kritischen Kundenbemerkungen und Entgegnungen von Firmenseite
gefunden, werden diese als viel glaubwürdiger eingestuft als die perfekt
formulierten Einweg- Medienmitteilungen der PR-Abteilung.
Andererseits gilt es in jedem Unternehmen, ähnlich einem
Überwachungsdienst von Medienmitteilungen ein präzises Blog- Monitoring
einzurichten. Dann könnten solche Blogattacken oder Pannen kaum
passieren, wie sie im nächsten Kapitel beschrieben werden.
Bloggerattacken
Blogeinträge haben schon mehr als eine Firma in arge Bedrängnis gebracht.
Unten finden Sie zwei Beispiele.
Fall Spreeblick
Der Berliner Blog www.spreeblick.com (Spreeblick-Verlag) hat fragwürdige
Geschäftspraktiken von Jamba (Klingeltöne) aufgedeckt. Jamba-Mitarbeiter
versuchten mit einer Gegeninitiative in Blogs Imageschaden für Jamba in
Grenzen zu halten. Als dies bekannt wurde, griffen nationale Medien wie
Spiegel und die „Süddeutsche Zeitung“ das Thema auf. Der Imageschaden
für Jamba inst nicht abschätzbar.
Fall Kryptonite
Kryptonite ist ein hochpreisiges Fahrradschloss in USA. Ein Biker konnte ein
Kryptoniteschloss eines Tages nicht öffnen und hat seinen Frust in seinem
Blog publiziert. Später wurde ein Video auf dem Technologie-Blog
www.engadget.com veröffentlicht, wo gezeigt wurde, wie man ein
Kryptonite-Schloss mit einem Kugelschreiber ganz leicht öffnen kann.
Die New York Times und AP veröffentlichten das Thema. Es folgte eine
Rückrufaktion von Kryptonite, das die Firma rund 10 Mio. US-Dollars
gekostet hat. Wie hoch war wohl der Imageschaden?
Podcast
Falls Sie dieses Kapitel lieber hören statt lesen, dann hören Sie jetzt den
Podcast, der Ihnen alles Nötige zum Thema Podcast erzählt. Sie finden
diesen unter: www.m-k.ch/podcast sowie weitere Audiobeiträge der
Fachzeitschrift Marketing & Kommunikation.
Den Podcasts wird ein grosses Potenzial vorausgesagt. Einige betrachten es
sogar als das Radio der Zukunft. Was ist ein Podcast und welches Potenzial
sehen wir aus Marketingsicht?
Eine Million Podcast-Abos in nur zwei Tagen
Am 29. Juni 2005 kündigte Apple die neue Version 4.9 von iTunes, seiner
Musikdownloadsoftware, an. Diese enthielt neu eine Podcastverwaltung. Nur
zwei Tage später konnte Apple bereits eine rekordverdächtige Meldung
verbreiten. In nur diesen zwei Tagen wurden über eine Million Podcasts
abonniert.

Was ist ein Podcast?
Der Begriff Podcast ist ein Kunstwort, das aus den Begriffen iPod und
Broadcasting entstanden ist. Gemäss der freien Enzykloädie Wikipedia.org
bezeichnet Podcasting das Produzieren und Veröffentlichen von Audiodateien
über das Internet im Format eines Weblogs mit speziellem RSS-Feed. Von
vielen wird „Podcast“ inzwischen bereits als Synonym für jede Audiodatei
verwendet, die im MP3-Format zum Download auf einem Internetserver
bereitsteht.
Über iTunes oder Blogs kann man sich solche Podcasts abonnieren. Ein
Beispiel für einen Blog mit Podcasts stellt www.voiceblogger.de dar. Hören
Sie dort doch einfach einmal rein.
Was ist der Nutzen für die Benutzer/innen?
Andreas Romppel, der Geschäftsführer von voiceletter.de, dem ersten
Unternehmen Deutschlands für mobilen Business Content, sagt dazu
folgendes: „Sie abonnieren Inhalte, für die Sie sich interessieren, und
schliessen Ihren MP3-Player morgens an den Computer an. Wenn Sie sich
dann abends auf den Heimweg machen, ist er randvoll mit Hörbüchern,
Artikeln aus aktuellen Zeitschriften und akustischen Newslettern.“
Wenn Sie selber bereits Hörbücher hören, dann sind Sie vom Nutzen rasch
überzeugt. Meist möchten wir alle mehr lesen, als wir letztlich schaffen. So
landen Monat für Monat viele interessante Artikel auf dem „zu lesen“-Stapel.
Periodisch werfen wir dann doch viele der gesammelten Artikel ungelesen
weg. Könnten wir doch nur alle diese Artikel anhören! Wo hätten wir die Zeit
dazu? Auf dem Weg ins Büro oder auf Geschäftsreisen, ob im Zug, Auto
oder Flugzeug haben wir oft ungenutzte Zeit.
So liegt es auf der Hand, die guten Inhalte sinnvoll als Podcast zweit zu
verwerten. Hier zeigt sich auch gleich der grosse Nutzen für die Leser/innen
bzw. neu dann Hörer/innen einer Zeitschrift. Sie können selber entscheiden,
wann sie den Text hören wollen.
Ich selber nutzt diese Möglichkeit schon seit einiger Zeit, entweder in Form
von Hörbüchern auf CD oder in Form von MP3-Files auf einem Memorystick.
Besser geht es kaum mehr.
Ich höre derzeit das wöchentliche Podcast des Weltwoche-Verlages
(www.weltwoche.ch, siehe Audio) sowie die englischsprachigen Podcasts
eines Sprachinstituts aus Los Angeles, um meine Englischkenntnisse up-to-
date zu halten (www.eslpod.com, www.toeflpod.com).

Die Ausrüstung: Hard- und Software
Ein Podcast kann auf jedem beliebigen MP3-Player oder über ein MP3-fähiges
Endgerät - z.B. ein Autoradio - abgespielt werden. Ich selber lade meine
bevorzugten Podcasts entweder über iTunes oder über eine beliebige
Website herunter. Danach überspiele ich diese auf meinen Memorystick, den
ich direkt an mein Autoradio mit USB- Anschluss anschliessen kann (siehe
Abbildung). Einfacher geht es nicht mehr. Besitzer eines iPods können die
Podcasts auch auf ihren iPod laden, diese dort anhören oder über eine
spezielle Hardware aufs Autoradio übermitteln lassen. Dieser Prozess des
Verfügbarmachens wird bestimmt noch wesentlich einfacher werden, wenn
wir ihn künftig drahtlos unterstützen können.

Autoradio mit angeschlossendem Memorystick über den USB-Anschluss
Das Potenzial von Podcasting
Podcasting wird ein grosses Zukunftspotenzial prognostiziert. In den USA ist
es einer der grossen Trends. Dort ist der Hörbuchmarkt bereits sehr
bedeutend, weil die Amerikaner/innen sich auf ihren langen Autofahrten
oftmals über Hörbücher weiterbilden. Ein Podcast ist vertonter Content, der
aber nicht wie heute üblich bei den Hörbüchern auf Kassetten oder CDs
angeboten wird, sondern als MP3-File. Die Distribution wird dadurch
wesentlich vereinfacht, denn die Auslieferung erfolgt über eine Datenleitung
und muss nicht wie bei der CD physisch erfolgen.
Andere gehen sogar noch weiter und sehen in Podcasting nicht nur den
Hörersatz fürs Lesen, sondern betrachten Podcasting als den künftigen
Ersatz des heutigen Radios. Es ist sozusagen das personalisierte Radio-on-
demand. Der Hörer entscheidet, was und wann er hören möchte, nicht der
Programmdirektor. Dies könnte dann zur Realität werden, wenn wir über
einen Breitbandanschluss die Podcasts ganz einfach direkt aufs Handy laden
und sie uns dort anhören.
Und die Relevanz fürs Marketing?
Podcasts können von Firmen gesponsert werden und damit einen
Werbeeffekt erzielen: „Dieser Podcast wird Ihnen von der Firma xy
präsentiert“. Ein Podcast einer Wirtschaftszeitung über aktuelle
Anlagemöglichkeiten kann z.B. von einer Bank gesponsert werden und
erzielt dadurch einen Werbeeffekt. Da das Medium neu ist, kann eine Firma
hier noch stark punkten, da sie sich als innovativ und modern gibt.
Ein gutes Beispiel, wie Podcasts sinnvoll und gewinnbringend fürs Marketing
eingesetzt werden können, zeigt der Fachbuchverlag BPX in Rheinfelden
(www.bpx.ch).
Für einige der kürzlich herausgegebenen Management-Booklets kann man
sich eines vom Verlag ausgewähltes Kapitel als Podcast anhören. So kann
man besser entscheiden, ob man sich das Booklet anschaffen möchte.

Podcast zum Gratis-Download beim Fachbuchverlag BPX (www.bpx.ch)
Vlog
Vlog ist ein Kunstwort aus «Video» und «Blog». Ein Vlog ist – gleich einem
Blog – eine Webseite, die periodisch neue Einträge (mehrheitlich oder
ausschließlich) als Video enthält.
Neben den Blogs und Podcasts stellt ein Vlog die dritte der neuen
Komponenten in der Medienlandschaft dar, welche wegen der demnächst
stattfindenden Medienkonvergenz die klassischen Medien herausfordern
könnte.
Da trägt jemand täglich eine Kamera auf sich, um mit einer Persönlichkeit ein
Interview machen zu können. Es tönt heute eher absurd, wenn das jemand
macht. Wofür? Was ist der Sinn und Zweck dahinter? Ein Vlogger der ersten
Stunde ist Stephan M. Seydel,der im Hauptberuf Sozialarbeiter ist. Er betreibt
seinen Blog schon seit 1995. Seit rund 2004 besitzt er eine Kamera und
betreibt seither den Vlog http://rebell.tv. Schauen Sie doch dort mal rein,
damit Sie diese neu Art der Informationsverbreitung selber erleben können.
Einer der populärsten Vlogs ist www.rocketboom.com. In einem kleinen
Studio in New York wird ein täglicher Beitrag erstellt und übers Internet mit
geringsten Kosten weltweit verbreitet. Im deutschsprachigen Raum ist es
www.ehrensenf.de, welche in diesem Umfeld die Massstäbe setzt. Die
täglichen Beiträge sind meist sehr unterhaltsam und originell.

Seit Youtube im Herbst 2006 von Google für rund 1.6 Mia. USD
übernommen wurde, denkt man über diese neue Art der Verbreitung anders.
Jeder kann mit einfachsten Mitteln zum Sender einer Botschaft werden, was
bis vor Kurzem noch den Fernsehstationen vorbehalten blieb. Es gab Fälle,
wo solche Videos es zur weltweiten Verbreitung und die Urheber zu
Berühmtheit gelangten.
Und die Bedeutung fürs Marketing?
Die professionelle Nutzung von solchen Vlogs oder auch Video-Podcasts, wie
sie auch genannt werden, machen derzeit Firmen in den USA vor. So werden
oftmals Werbespots nur fürs Internet erstellt und getestet, wie gut sie beim
Publikum ankommen. Die Verbreitung erfolgt "internet-like" viral. Auf dem
folgenden Link finden Sie ein amüsantes und sehenswertes Beispiel von "It's
the Cola".
Zwei Beispiele von Firmen, welche Videos bereits sehr aktiv in ihrem
Marketing- Mix einsetzen.
Neckermann.tv
neckermann.tv geht mit diesem Kanal neue Wege. Dort kann man an
interaktiven Spielen teilnehmen. Z.B. im Spiel "Frauen möbeln Männer auf"
kann Frau aus 25 ausgesuchten Möbeln ein Zimmer virtuell einrichten. Dabei
wird Frau von Mirja beraten (vgl. Abbildung weiter unten). Der Zweck dieses
Spieles ist schnell erklärt. Das intreraktive Spiel animiert die Teilnehmerin, die
ausgewählten Möbel gleich online mit einem Klick zu bestellen, oder aber sich
diese doch noch vorher in einer Filiale von Neckermann anzusehen.

Rusch-TV
Der Rusch-Verlag bietet seit Mai 2007 auf der Website www.rusch-tv.com
Mitschnitte von Veranstaltungen an, die man sich gratis ansehen kann. So
kann der Zuseher besser entscheiden, ob er sich die ganze DVD anschaffen
möchte. Ist ein guter Teaser, um den Zuseher zu animieren.

Die Breitband-Revolution im Internet
Interactive Storytelling in der Marken- und Produktkommunikation
von Mike Schwede und Mischa Blank, 02.10.2006
Quelle: www.orange8.com / www.bkanal.ch
Auch in Europa ist der Medien-Shift nun abzusehen: Jugendliche mit
Internetanschluss schauen täglich eine halbe Stunde weniger fern als ihre
Kollegen ohne Anschluss ans Netz. Für 60 Prozent der 14- bis 19-Jährigen
ist das Internet Primärmedium. Und 55 Prozent nutzen es zur
Meinungsbildung – TV schneidet mit 39 Prozent in dieser Zielgruppe deutlich
schlechter ab. Die grosse Chance im jungen Marketing heisst: Werbung im
Netz.
(Medienstudie 2005; IBM Business Consulting Services)
Mehr als 65 Prozent aller Schweizer Haushalte haben inzwischen einen
Breitband-Anschluss ans Internet. Diese Viel- Surfer bilden die
Hauptzielgruppe von Firmenwebsites. Internetauftritte nutzen daher immer
öfter die neuen Möglichkeiten und bieten zusätzliche Inhalte an, wie zum
Beispiel Videos oder virtuelle Personen, die den Surfer beim Besuch einer
Webseite begleiten. Vor allem im Marketing für junge Zielgruppen bis Mitte
30 spielt multimedialer Content eine wichtige Rolle – Produktinformationen
werden durch unterhaltsames Storytelling in komplexe, emotionale
Erlebniswelten eingebettet. Das Internet wird zu einer Alternative zum
Fernsehen, wenn es um Werbung, Information und Unterhaltung geht – eine
Alternative mit vielen Vorteilen.
Produkt + Emotion = Story
Gerade Markenbildung und Produktkommunikation lassen sich mit
datenintensiven Breitbandlösungen ideal in eine emotionale Story einbetten.
Da kommt zum Beispiel ein neuer Rasierer auf den Markt. Mehr als die
anderen kann auch er nicht. Aber er erregt Aufmerksamkeit: Der Link zur
Webseite mit humorvoll-anzüglichen Videoclips wird fleissig weitergeleitet,
weil sie die Features des Philips Bodygroom unterhaltsam erzählen.
Kommunikationsmassnahmen, die unterschiedliche Instrumente wie Videos,
Chats oder Animationen kombinieren, sprechen die User an. Ein weiteres
Beispiel ist „Jogabonito“: Nike und 20 Minuten wollten im Vorfeld der WM
das schöne, faire Fussballspiel bewerben − und sich selbst natürlich gleich
mit. Die für die Schweiz konzipierte Webseite www.jogabonito.ch war dazu
gedacht, ein nationales Fussball-Turnier mit mehr als 1000 Teams zu
begleiten. Inhalte: Spielerstatements auf Video, Werbespots, ein begleitender
Blog und viele Fun-Elemente zum populärsten Spiel der Welt. Während der
Aktion entwickelte sich die Website aber mehr und mehr zum Dreh- und
Angelpunkt der gesamten Kampagne. Innerhalb von 5 Monaten besuchten
200'000 Unique Visitors die Seite.
Die grosse Konkurrenz des TV
Was aber ist der Vorteil von internetbasierten Breitbandlösungen im Vergleich
zum Fernsehprogramm? Multimedial präsentierte Storys sind nicht den
engen Grenzen eines Fernsehprogramms unterworfen. Im Internet gibt es
keine Kanalbeschränkungen und keine Konzessionen. Senden kann jeder,
und zwar was er will und so viel er will – ohne, dass jeden Tag ein komplett
neues Programm mit 24 Stunden Sendezeit auf die Beine gestellt werden
muss. Die User wählen aus dem vorhandenen Sendeangebot das aus, was
sie interessiert. Wenn für ein Firmenmagazin jeden Monat zwei neue
Beiträge produziert werden, kann das durchaus genügen. Auch die
Reichweite für die Promotion solcher Inhalte kann sich sehen lassen: Laut
Nielsen Netratings besuchten im August 2006 1.6 Millionen Menschen die
Website von Bluewin. NZZ und SBB kamen auf etwa 1 Millionen Benutzer
und bei der Online-Version von 20 Minuten waren rund 550'000 User zu
Besuch.
Nutzerverhalten im Internet ist anders als beim TV
Noch wichtiger sind allerdings die fast grenzenlosen Möglichkeiten im
Internet. Egal ob es um Audiovisuelles oder Animiertes geht – was die
optimale Darstellung betrifft, gibt es heute keine Einschränkungen mehr. Und
ein Thema kann so behandelt werden, dass sowohl Neulinge wie Kenner auf
ihre Kosten kommen. Hyperlink-Strukturen sind dabei dem linearen
Fernsehen, wo man bei Langeweile wegzappt, deutlich überlegen, denn jeder
sucht sich das, was ihn interessiert.
Allerdings sind mediengerechte Breitband-Inhalte mehr als ins Netz gestellte
Videoclips. Das Userverhalten im Internet hat seine ganz eigenen Regeln, die
man kennen muss, um mit Breitband-Content erfolgreich zu sein. Das 2005
online gegangene erste Breitband-Magazin der Schweiz, www.bkanal.ch, hat
diesbezüglich eine Fülle von Erfahrungen gesammelt. Bkanal setzt sich aus
audiovisuellen Beiträgen und Blog-Posts zu Lifestyle-Themen für junge
Erwachsene zusammen. Innovative Werbepartner wie Red Bull, Sony, Diesel
oder Zimtstern haben das Magazin bereits als Plattform für sich entdeckt.

www.bkanal.ch: Erstes Schweizer Breitband-Magazin für Junge
Das Informations- und Medienverhalten der Konsumenten hat sich geändert:
Die meisten ziehen multimedial aufbereitete Informationen vor. Jeder Inhalt,
der länger als ein paar Zeilen ist, sollte heute multimedial präsentiert werden.
Auch bei der zeitlichen Nutzung kündigen sich Veränderungen an. Noch Mitte
2005 kamen die Bkanal-User zu den typischen Internet-Primetimes
morgens um 9 Uhr, um 13 Uhr und dann wieder zwischen 16 und 17 Uhr.
Heute nehmen sie sich mehr Zeit und schauen sich abends zur besten
Sendezeit in aller Ruhe die Beiträge im Netz an. Fernsehen wird also gerade
bei den jungen Zielgruppen durch Surfen im Netz ersetzt. Online steuert der
Benutzer selbst den Kommunikationsprozess – und bleibt daher meist länger
dabei als beim TV. Interessant ist auch: Bei Fernsehwerbung zappt die
Mehrzahl der Zuschauer weg. Werbespots, die auf Bkanal zwischen anderen
Inhalten eingeschoben sind, nimmt der User in vielen Fällen als Content
wahr. So war der zweiminütige Trailer für den von Zimtstern gesponserten
Film "91 Words for Snow" der am häufigsten angeschaute Beitrag auf
Bkanal.
Wissen muss man beim Netzjournalismus allerdings, dass sich die Benutzer
weniger Zeit nehmen, um zu entscheiden, ob sie einen Beitrag anschauen
wollen oder nicht. Innerhalb weniger Sekunden muss die Aufmerksamkeit
gewonnen werden. Hat der Zuschauer aber angebissen, bleibt er auch gern
einmal 10 Minuten dabei. Grundsätzlich ist es besser, mehrere kleine
Einheiten anzubieten, die ein Thema von unterschiedlichen Gesichtspunkten
her aufgreifen und Vertiefungen bieten. Auch die Nutzung verschiedener
Online-Instrumente zu einem Thema kommt bei der vor allem jungen
Zielgruppe des Bkanal gut an: So kann im Blog auf einen neuen Beitrag
hingewiesen und eine Diskussion angeregt werden.
Nachhaltig kommunizieren
Der Einsatz von Video beschränkt sich aber nicht nur auf Werbung und
Unterhaltung. Auch für die Vermittlung von komplexen Themen ist das
Medium ideal geeignet. Microsoft erklärt auf der Webseite die Features des
angekündigten Betriebssystems mit kleinen Videoclips. Vorstellbar ist auch,
dass beispielsweise IKEA alle Aufbauanleitungen der Möbel in Zukunft als
Videodatei auf der Webseite zum Abruf bereithält. Vorträge an Kundenevents
können online zur Verfügung gestellt werden, damit auch diejenigen davon
profitieren, die nicht dabei waren. Zur Ergänzung machen dann noch einige
Testimonials und eine Fotogalerie den Event nacherlebbar.
Auch die Rahmenkommunikation von Sponsoringaktivitäten bietet ein weites
Feld für den gewinnbringenden Einsatz von Storytelling. Die üblichen
Massnahmen wie Plakate, ein wenig PR und die eigene Kundenzeitschrift sind
sehr kostenintensiv und in ihrem Wirkungszeitraum begrenzt. Um das
Sponsoring-Engagement nachhaltig zu gestalten, leistet das Internet gute
Dienste. Hier können Zusammenschnitte der Highlights, Hintergrundberichte,
Interviews, Gewinnspiele in mehreren Etappen und Blogs interaktiv und
günstig angeboten werden – denn die Anforderungen an die Qualität von
audiovisuellen Internetinhalten sind nicht so hoch wie bei einer
Fernsehausstrahlung. So kann man mit Fans und Interessenten noch
Wochen nach dem eigentlichen Event oder auch in den Zeitspannen
zwischen grossen Ereignissen in Kontakt bleiben und das emotionale Erlebnis
der Veranstaltung verlängern. Die Story baut der User sich selbst aus den
Angeboten zusammen und sucht von sich aus den Dialog mit dem
Unternehmen.
Klar ist, die Instrumente sind nicht neu. Neu ist vor allem die Kombination der
Elemente und ein mediengerechter Einsatz, der sich am Verhaltensprofil der
Nutzer orientiert. Dafür braucht es Kompetenz in den verwendeten
Techniken, viel Erfahrung und vor allem eine grosse Portion Begeisterung für
neue Medien und neue Inhalte.
Die Autoren
Mike Schwede ist geschäftsleitender Partner, Mischa Blank Leiter Interactive
Broadband Content und Herausgeber des ersten Schweizer Breitband-
Magazins www.bkanal.ch bei der Bieler Internetagentur orange8 interactive
AG.
orange8 entwickelt als E-Marketing-Agentur komplexe Webauftritte, Online-
Kampagnen und Breitband-Inhalte für Firmen wie smart, Renault, Peugeot,
Swisscom, Sanofi-Aventis oder Biella.